Woran erkennen Treasury-Teams, dass ihr Cash-Positioning nur Scheinkontrolle ist?
Von außen sieht alles nach Kontrolle aus. Dashboards. Reports. Daily Check-ins. Aber spricht man mit jemandem aus dem Treasury, kommt die Wahrheit schnell ans Licht: Es ist keine Kontrolle. Es ist nur die Illusion davon.
Hinter den Zahlen steckt täglich ein Kampf. Veraltete Daten. Tools, die nicht miteinander sprechen. Manuelle Arbeit, die als „Prozess“ verkauft wird. Und die tatsächliche Cash-Position? Immer ein bisschen unscharf, immer ein bisschen zu spät.
Treasury-Teams sind nicht ahnungslos. Sie sind eingeschränkt. Eingezwängt von Tools und Denkweisen, die nicht mehr zum Job passen. Solange diese Illusion hält, ist jede Entscheidung riskanter, als irgendjemand zugeben möchte.
Die Experten
Sarah Häger
Sarah Häger ist Chief Commercial Officer bei Enable Banking und eine der führenden Stimmen im Open Banking. Mit über 15 Jahren Erfahrung im Corporate Banking (darunter sechs Jahre als Leiterin des Open-Banking-Community-Teams bei Nordea) verfügt sie über tiefes Know-how in Finanzdaten-Infrastrukturen und API-Entwicklung. Bei Enable Banking hilft sie Unternehmen dabei, besseren Zugriff auf ihre Finanzdaten zu erhalten – ein kritischer Faktor für bessere Cash-Visibility und -Steuerung. 2019 wurde sie zu einer der 75 wichtigsten weiblichen Führungskräfte der Zukunft in Schweden gewählt. Sie setzt sich leidenschaftlich dafür ein, Regulierung und Technologie zu nutzen, um smartere finanzielle Entscheidungen zu ermöglichen.
Jouni Kirjola
Jouni Kirjola ist Head of Solutions and Pre-Sales bei Nomentia und verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung im Corporate Cash Management. Er ist Experte für Cashflow-Forecasting, Payment Factories, In-House Banking und Prozessentwicklung.
Die sieben Sünden des Cash-Positionings
Treasury-Teams sollen Risiken besser managen, Forecasts genauer machen und Liquidität sicherstellen. Aber das System arbeitet gegen sie.
Nehmen wir Olivia. Sie ist Group Treasurer in einem multinationalen Unternehmen mit Aktivitäten in 22 Ländern und mehr als 150 Bankkonten. Auf dem Papier ist sie verantwortlich für Liquiditätssicherung und Working-Capital-Optimierung. In der Praxis verbringt sie den Großteil ihres Tages damit, gegen Systeme zu kämpfen, die für diesen Job nie gedacht waren. Sie weiß, wo das Geld sein sollte. Aber zu wissen, wo es wirklich ist? Das ist eine andere Geschichte.
Ihre Frustration ist kein Einzelfall. Sie ist strukturell. Und sie zeigt sich in sieben klaren – und hartnäckigen – Ausprägungen.
1. Cash bewegt sich schnell. Finanzdaten nicht
Zahlungen sind heute instant. Kunden bezahlen in Echtzeit. Lieferanten erwarten dasselbe. Aber der Blick der Treasurerin auf die Cash-Situation hinkt Stunden, manchmal Tage hinterher. Ihre Reports hängen an Batch-Prozessen, verzögerten Bankfeeds und manuellen Updates. In dem Moment, in dem die Zahlen auf ihrem Bildschirm erscheinen, sind sie bereits veraltet. Von ihr wird erwartet, in Echtzeit zu handeln – mit Daten, die es nicht sind.
„Viele Treasurys treffen heute Entscheidungen auf Basis von gestrigen Daten – in einer Welt, die in Echtzeit läuft. Das ist kein Technologie-Gap mehr. Es ist ein Adoptionsproblem.“ – Sarah Häger, Chief Commercial Officer, Enable Banking
2. Zu viele Banken. Zu wenig Integration
Ihr Unternehmen ist schnell gewachsen – durch Akquisitionen, Expansionen und regionale Deals. Das Ergebnis? Ein Wildwuchs an Bankbeziehungen, jede mit eigenem Portal, eigenem Format und eigener Zeitzone. Das Treasury-Team springt von System zu System, nur um Kontostände zu prüfen. Es gibt keine konsolidierte Sicht, keinen standardisierten Feed und keine Möglichkeit, alle gleichzeitig auf dieselbe Cash-Realität schauen zu lassen.
„Jede zusätzliche Bank erhöht die Komplexität – nicht nur bei den Abstimmungen, sondern auch bei Verträgen, Compliance, Zugriffsrechten und der Realtime-Visibility. Ohne harmonisierte Integration ist es ein Tod durch tausend Portale.“ – Jouni Kirjola, Head of Solutions and Pre-Sales, Nomentia
3. Tools, die nie für Echtzeit-Cash-Visibility gedacht waren
Der Enterprise-Software-Stack wurde für Finance gebaut. Nicht für Treasury. ERPs sind stark in der Historie, nicht in der Live-Position. Olivias ERP kann Bücher abschließen, aber nicht beantworten, ob sie heute 5 Mio. bewegen kann. APIs könnten helfen, aber sie über fragmentierte Systeme hinweg ans Laufen zu bringen, ist teuer, zeitaufwendig und politisch schwierig. Der Werkzeugkasten des Treasury ist voll mit Software – und gleichzeitig arm an echter Sichtbarkeit.
„ERPs wurden nicht für Liquiditätsentscheidungen gebaut. Treasury braucht Tools, die für das Jetzt gemacht sind, nicht für das Monatsende.“ – Sarah Häger
4. Manuelle Arbeit, moderne Stakes
Der Morgen beginnt in Excel. Jeden. Einzelnen. Tag. Der Prozess hat sich seit Jahren nicht verändert: in fünf Bankportale einloggen, die Kontostände von gestern exportieren, in Excel kopieren und manuell in einen Positionsreport überführen. Es ist langsam, fehleranfällig und zermürbend. Und trotzdem ist es noch immer die verlässlichste Methode, die das Treasury-Team hat. Eine falsche Zelle – und der gesamte Forecast ist daneben. Aber sie soll trotzdem Genauigkeitsziele erreichen.
„Wenn Spreadsheets Ihre einzige Quelle der Wahrheit sind, steuern Sie Liquidität nicht – Sie spielen damit.“ – Jouni Kirjola
5. Es gibt keine Single Source of Truth für Cash
Manchmal zeigen Olivias Zahlen etwas anderes als das Dashboard des Controllers, und der CFO sieht wieder eine dritte Version. Warum? Weil Cash über Gesellschaften, Systeme und Regionen verteilt ist. Es gibt keine zentrale, verlässliche Quelle – nur Teilbilder, Bauchgefühl und, im schlimmsten Fall, alte Reports. Und das Treasury muss mit den Konsequenzen leben.
6. Cross-Border-Cash-Chaos
Je weiter das Geld wandert, desto weniger sieht sie. Aus Asien-Pazifik kommen die Meldungen spät. Lateinamerika überrascht mit unerwarteten Umrechnungseffekten. Europa folgt eigenen Regeln. Jede Region bringt neue Komplexität mit – von Zeitzonen über regulatorische Verzögerungen bis hin zu Währungsrisiken. Treasury soll globale Liquidität optimieren. Aber das System ist so fragmentiert, dass sie nicht einmal sicher sagen kann, wie viel wirklich verfügbar ist – geschweige denn, wo und wann.
7. Fehlende Automatisierung und API-Adoption
APIs gibt es überall – außer dort, wo Olivia sie braucht. Banken sprechen gerne über Echtzeit-APIs. Anbieter wie Enable Banking machen diese APIs in ganz Europa zugänglich, selbst für Unternehmen mit komplexer Infrastruktur. Doch Olivias interne Landschaft ist geprägt von konkurrierenden Prioritäten, Silos und langen IT-Warteschlangen. Das Potenzial ist da, aber es in eine funktionierende Realität zu verwandeln, fühlt sich an wie Wasser bergauf zu schieben.
„APIs sollte man nicht als Tech-Upgrade sehen. Sie sind ein Wechsel des Operating Models. Echtzeit-Datenflüsse sind das Fundament des modernen Treasuries.“ – Jouni Kirjola
Judgment Day: Entscheidungen ohne Sicht
Olivia weiß, dass die Risiken nicht nur operativ sind. Sie sind existenziell.
Denn wenn Cash-Visibility fehlt, werden Entscheidungen im Dunkeln getroffen – und dieses Dunkel ist teuer.
Es beginnt subtil. Ein verpasstes Zahlungsfenster. Eine kurzfristige Kreditaufnahme, die sich im Nachhinein als unnötig herausstellt. Ein Forecast, der viel zu spät und viel zu weit danebenliegt. Das Management gerät nicht in Panik. Stattdessen zieht es die Schrauben an. Mehr Kontrollen. Mehr Reporting. Mehr Druck. Aber keine Klarheit mehr.
Dann kommen die größeren Einschläge.
Plötzlich auftauchende Liquiditätslücken.
Working Capital, das an den falschen Stellen blockiert ist.
Cash, der „zur Sicherheit“ gehortet wird, während teure Kreditlinien unnötig gezogen werden.
FX-Exposures, die nicht rechtzeitig gehedged werden.
Investitionen, die verschoben werden, weil niemand mit Sicherheit sagen kann, was wirklich verfügbar ist.
Strategische Beweglichkeit stirbt langsam – Entscheidung für Entscheidung, basierend auf unvollständiger Sicht. Und wenn etwas schiefgeht, steht Treasury im Feuer.
Olivia und ihr Team haben die Datenverzögerungen nicht verursacht. Sie haben die Systeme nicht designt. Aber sie besitzen die Zahlen – und damit auch die Folgen. Das Management will Antworten, keinen Kontext. Treasury soll mehr leisten mit weniger: Ungenauigkeiten erklären, die sie nicht verursacht haben, und Liquidität forecasten, die sie nicht vollständig sehen.
Sie werden verantwortlich gemacht, aber nicht ausgestattet. Zur Rechenschaft gezogen, aber nicht ermächtigt.
Was ein strategischer Bereich sein könnte – einer, der das Geschäft mitsteuert, Kapitalstrategien mitgestaltet und Wachstum ermöglicht – wird zu einer reaktiven Einheit degradiert. Immer am Berichten. Nie am Steuer.
Der eigentliche Gegner
Es ist leicht, die Tools verantwortlich zu machen. Die alten ERPs. Die fragmentierten Bankfeeds. Die Copy-Paste-Rituale, die jeden Morgen auffressen.
Aber die unbequeme Wahrheit lautet: Diese Tools hätten längst ersetzt werden können.
Die APIs existieren. Automatisierung ist real. Lösungen sind verfügbar. Anbieter wie Enable Banking liefern heute schon europaweite Bankanbindung über regulierte APIs. Das Problem ist nicht das Fehlen von Optionen. Es ist das Vermeiden von Entscheidungen.
Warum wurden diese offensichtlichen Fixes noch nicht umgesetzt?
Warum ist es noch immer akzeptiert, dass Treasury-Teams ohne Realtime-Visibility arbeiten?
Warum sind die Erwartungen an strategisches Denken so hoch, während die Unterstützung dafür so gering ist?
Die Antwort ist nicht technischer Natur. Sie ist kulturell.
Organisationen sind weiterhin entlang alter Denkmuster gebaut:
Treasury als Cost Center, nicht als strategischer Hebel.
Risikovermeidung, die als „Prudenz“ verkauft wird.
IT-Engpässe und Bereichsegoismen.
Entscheider:innen, die die Tragweite erst verstehen, wenn es bereits zu spät ist.
Die Trägheit ist systemisch. Aber sie ist auch intern. Treasury-Profis wissen oft sehr genau, was sich ändern müsste. Sie haben Integrationen vorgeschlagen. Sie haben Risiken adressiert. Sie haben bessere Tools eingefordert.
Es fehlt nicht an Klarheit. Es fehlt an Erlaubnis.
Erlaubnis, zu modernisieren. Erlaubnis, das „Das haben wir immer so gemacht“ in Frage zu stellen. Erlaubnis, Cash-Visibility nicht als „nice to have“, sondern als Mindestvoraussetzung für das Überleben des Geschäfts zu definieren.
Solange diese Erlaubnis nicht erteilt wird (oder aktiv beantragt wird), wird Olivia weiterhin jeden Morgen in zehn Portale einloggen, ein Cash-Bild zusammensetzen, das beim Erstellen schon veraltet ist – und sich auf Meetings vorbereiten, in denen sie Zahlen verteidigen muss, die sie nicht kaputtgemacht hat, mit Antworten, denen sie selbst nicht ganz traut.
Der wahre Gegner sind nicht die Daten. Es ist die Haltung, die sagt: „Es passt schon so.“
„Veränderung scheitert nicht daran, dass die Technologie nicht ready ist. Sie scheitert daran, dass die Kultur es nicht ist. Treasury braucht ein Mandat – nicht nur neue Tools.“ – Sarah Häger
Klarheit ist der einzige Weg nach vorn (und das wissen Sie längst)
Ehrlich gesagt: Nichts davon ist neu für Sie. Sie haben die Lücken gesehen. Sie haben den Bremsklotz alter Systeme und veralteter Erwartungen gespürt. Sie saßen in Meetings, in denen auf Basis unvollständiger Daten entschieden wurde – und Sie haben die Konsequenzen still mitgetragen. Weil das Teil des Jobs ist.
Aber durch all das hindurch kannten Sie die Antwort. Realtime-Visibility. Integrierte Systeme. Automatisierung, die nicht nur schneller ist, sondern sinnvoll.
Sie brauchen keinen weiteren Artikel, der Ihnen erklärt, wie „Best Practice“ aussieht. Sie plädieren längst dafür. Was Sie brauchen, ist eine Bestätigung. Und die Erlaubnis, weiterzupushen.
Denn der moderne Treasurer ist nicht einfach jemand, der Liquidität balanciert. Er oder sie gestaltet die Strategie mit. Ermöglicht dem Unternehmen verlässliche Daten. Arbeitet funktionsübergreifend über Regionen und Systeme hinweg. Nicht reaktiv, sondern vorausschauend. Nicht nur Risikomanagement – sondern die Fähigkeit, das Unternehmen mit Sicherheit in Bewegung zu halten.
Die Frage ist also nicht, ob Sie wissen, was nötig ist. Sondern ob die Organisation endlich bereit ist, zuzuhören. Denn Klarheit ist kein Luxus. Sie ist der einzige Weg nach vorn.
Und das wussten Sie schon die ganze Zeit.